Opera publica
Epilog
Margit Nobis und Clemens Mock
Zu einer bildhaften Aufführung im Allgemeinplatz haben wir 40 zeitgenössische bildende KünstlerInnen geladen. Als Opera publica entwickelten wir 2016 die Gemeinschaftsausstellung im Künstlerhaus, Wien. Der vielgestalte Repräsentationsbau am Karlsplatz bot sich an, unterschiedliche Kunstformate zur Inszenierung eines Werk-Tableaus zu vereinigen. Vollständig autark in Konzeption und Zusammenstellung konnten wir eine Ausstellung erstellen, die unserer Vorstellung vom „Kunstwollen“ sehr nahe kam. Das Bühnenhafte, die Arabeske, die zur Form gewandelte Figuration, die Inszenierung, das Publikum und die Öffentlichkeit waren namensgebend und tragende Themen.
Opera! Eine elitäre Kunstschau für Gleichgesinnte
Eine Opernaufführung ist gemeinhin eine teure und distinguierte Veranstaltung der sogenannten Hochkultur. Unserem Konzept folgend, versuchten wir, den theatralischen Begriff als Form und Inhalt einer Ausstellung bildender Kunst für ein egalitäres Publikum zu zeigen. Opera nicht im Sinn einer musikalischen Bühnenaufführung, sondern als Sinnbild für eine Inszenierung von Kunst, die einem Narrativ folgt. Das Wort publica als Versprechen einer Schau auf Augenhöhe – im Wechselspiel mit dem Gegenüber: dem Publikum, der Öffentlichkeit.
Im Unterschied zur gängigen Ausstellungspraxis hat die Opera publica bewusst auf Saaltexte oder KuratorInnen-Statements verzichtet. Den BesucherInnen wurden beim Betreten der Ausstellung keine deutungshoheitlichen Rezeptionsanweisungen vorgeschrieben. Stattdessen wurden im ersten Saal Auszüge aus dem interimistischen künstlerischen Forschungsprozess Umkreisungen von Alexandra Reill angebracht. Auf den rund 200 Digital Prints kamen Fragen zu zeitgenössischen Positionierungen und Relevanzen künstlerischer Produktion und damit der Rollen und Stimmen von KünstlerInnen in Gesellschaften des 21. Jahrhunderts zur Sprache. Gegen die Intention des Anführens „großer“ Namen im Kunstmarkt und den konventionellen Institutionen listet die Publikation Opera publica die Namen aller am Projekt Beteiligten gemeinsam auf: vom Aufbau-Team über das Lektorat, die Künstlerinnen und AutorInnen hin zu den TechnikerInnen, uns als InitiatorInnen und vielen weiteren.
Opera publica – ein heterogenes Gesamtkunstwerk
Die Opera ist in unserem Konzept auch der Leitbegriff für ein Erlebnis: eine spielerische Praxis auf einer gesellschaftlichen Bühne, ein lustvolles Aufgreifen verschiedenster künstlerischer Ausdrucksformen – ohne den Anspruch auf theoretische Verkausalisierung mit hyperdiskursiven Wendungen in gigantische Kunst-Schubladen. Die Präsentation fußt auf dem Bedürfnis nach einem heterogenen Gesamtkunstwerk. Lucas Gehrmann wies in seiner Rede zur Eröffnung der Opera publica auf Odo Marquards Definition des Gesamtkunstwerks hin, welches „die Tendenz zur Tilgung der Grenze zwischen ästhetischem Gebilde und Realität“1 hat. Die Opera publica sollte eine Plattform sein, die lebendige Kunst widerspiegelt, sie in das Geschehen involviert und in die Öffentlichkeit ausbreitet. Die BetrachterInnen der Werke in der Gemeinschaftsausstellung sollten sowohl ZuschauerInnen als auch AkteurInnen sein können. Dieses Verhältnis zwischen Publikum und Werk, Mensch, Objekt und Inszenierung spielte eine schillernde Rolle im Prozess der ganzen Projektproduktion. Der kreative Umgang mit der Wechselwirkung dieser verschiedenen Konstanten ist Teil der experimentellen Methode und definiert die Arbeit an der Opera publica. Ein Fragment einer szenischen Lesung von Frank den Oudsten, der selbst als Künstler, Performer und Szenograf arbeitet, charakterisiert ein ähnliches Vorgehen: „Der Szenograf hat den Raum, das Publikum die Zeit. Es ist dieser ungeschriebene Vertrag zwischen beiden, der die Inszenierung als offenes Werk definiert. […] Spannende Inszenierungen fangen im Sinne von spectatio, schon lange vor dem Anfang an und dauern ebenso lange nach dem Ende fort.“2
publica. Das Publikum als Konzept
Dem Eröffnungsabend der Ausstellung Opera publica kam konzeptionelle Bedeutung zu: Kunst sollte nicht vor-, sondern aufgeführt werden. Die RednerInnen Olivia Kaiser und Lucas Gehrmann waren als rhetorische PerformerInnen eingeladen. Crazy Bitch in a Cave hat seine Eröffnungs-Arien vor Kunst als Bühnen-Bild gesungen. Bewegte man sich als BetrachterIn durch Raum und Installation, konnte man die Performance aus unterschiedlichen Perspektiven sehen, wobei die Rahmenraumkonstruktion von Mitterer/Buch die Rahmen bildete. Sowohl die musiktheatralische Darbietung als auch die gesamte Bildpräsentation erhielt dadurch einen weiteren, szenischen Dimensionsshift, der es ermöglichte, auch rahmenlose Kunstwerke optisch einzufassen. Diese Rahmung zwischen der zweiten und dritten Dimension variierte stets mit dem Wechsel der Stand- und Blickpunkte. Auch dem Bild-Gebilde, also den bespielten Räumen als Meta-Erzählung, gab die Konstruktion Rahmen. Während der Schaubewegung entstand die Oper im Kopf des Publikums. Dass man sich dabei im Raum eines Raums befand, war eine humorvoll-illusionistische Anlehnung an die Logen der Opernhäuser.
Ornament als Werkmontage
Gérard Raulet bezieht sich auf Walter Benjamin, wenn er darlegt, dass das Ornament mehr als eine Oberflächenerscheinung ist: Es macht die kulturphilosophische und -politische Grundstruktur erst fassbar.3 Mit ornamentalen Parcours versuchten wir, von den Arrangements künstlerischer Zitatverfahren zu einem Gesamteindruck der Zeichenkombinate zu gelangen. Zueinander in Beziehung gesetzt und zusammen gesehen ergab das Gebilde eine ornamentale Struktur: weniger durch ein Muster der Bilderwand, sondern durch die Korrespondenz der Inhalte.
Ornament als Gemeinsinn. Publikum als Öffentlichkeit
Auf die Grundbedeutung des Ornaments im Altgriechischen hat Lucas Gehrmann mit Bezug auf Günter Irmschers Untersuchungen u. a. in seiner Eröffnungsrede zur Opera publica hingewiesen. Nicht etwa Dekor ist das Ornament, sondern „ˏOrdnungˊ, ˏGefüge der Weltˊ; außerdem im erweiterten Sinn auch die Ausstattung der Welt mit Lebewesen.“4 Gehrmann führte, Oesterle zitierend, weiter aus, dass dem sich ins Bild- bzw. Zeichensprachliche niedergeschlagenen Ornament in der Antike eine ausgezeichnete Stellung zukam, „weil es [das Ornament] aus dem Nutzzusammenhang der Lebenserhaltung herausgelöst ist, gleichwohl aber den Lebensabläufen – sie unterbrechend – spielerisch folgt. Seine Nähe und Distanz zum Leben eröffnet einen eigenen ästhetischen Spielraum, der nicht der Selbsterhaltung durch Handlung, sondern dem Selbstgefühl einen Ort gibt. Die erkennende Selbstbegegnung im genussvollen Anschauen […].“5 Dieser individuell-emanzipatorische Umstand ist aber gleichzeitig Teil einer pluralistischen Konsenssuche – durch den Appell an ein „Gefühl des Schönen als Vermittlung dessen, was Kant den ‚gemeinschaftlichen’ oder noch den ‚Gemeinsinn’ nannte“.6 Wieder auf Walter Benjamin zurückkommend, findet bei ihm das Ornament auch die Bezeichnung Phantasmagorie. Walter Benjamin zeigt, dass das Ornament nicht nur die Verdinglichung verdeckt, sondern sie entblößt und zur Schau stellt, indem sie diese ausstellt.7 In dieser Hinsicht war das ausstellende Moment im Ornamentalen integraler Bestandteil unseres Konzepts. Bezeichnenderweise setzt sich der von Benjamin angeführte Begriff Phantasmagorie im Griechischen aus Trugbild (φἀντασμα) und Versammlung (ἀγορά) zusammen. Demzufolge ist die Phantasmagorie gewissermaßen die Darstellung von Trugbildern vor Publikum. Auch in der Opera publica war die Ausstellungsfläche eine Schaubühne. Eine Seh-Maschine. Bild-Welt und „Loge im Welttheater“8. Das Wort Publikum bezieht sich auf das lateinische Wort publicus: dem Volk, der Allgemeinheit gehörig. Zügig ausgesprochen erinnert der Ausstellungstitel Opera publica nicht von ungefähr an die Republik. Res publica, die öffentliche Sache. Der Begriff der Öffentlichkeit ist dabei ein sehr wichtiger: für das Selbstverständnis unseres Projekts als auch für die Kategorisierung des Begriffs Publikum. Sind doch laut Wortdefinition nur die ZuhörerInnen/ZuschauerInnen einer für jedermann zugänglichen Veranstaltung ein Publikum – nicht aber die TeilnehmerInnen einer unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindenden Versammlung. Als Opera publica wurden im antiken Rom auch öffentliche Werke bezeichnet. Von der Allgemeinheit für die Allgemeinheit geschaffen.
1 Marquard, S. 40.
2 Oudsten, S. 402.
3 vgl. Raulet, S. 218.
4 Irmscher, S. 1 f.
5 Oesterle, S. 128.
6 Raulet / Schmidt, Einleitung, S. 9.
7 vgl. Raulet, S. 226.
8 Benjamin, S. 52.
Bibliographie
Benjamin, Walter: „Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“, in: Rolf Tiedemann (Hg.), Walter Benjamin. Das Passagen-Werk, Frankfurt am Main 1982, Erster Band, S. 45–59.
Irmscher, Günter: Kleine Kunstgeschichte des europäischen Ornaments seit der frühen Neuzeit: (1400–1900), Darmstadt 1984.
Marquard, Odo: „Gesamtkunstwerk und Identitätssystem: Überlegungen im Anschluss an Hegels Schellingkritik“, in: Harald Szeemann (Hg.), Der Hang zum Gesamtkunstwerk, Frankfurt am Main 1983, S. 40–49.
Oesterle, Günter: „Vorbegriffe zu einer Theorie der Ornamente. Kontroverse Formprobleme zwischen Aufklärung, Klassizismus und Romantik am Beispiel der Arabeske“, in: Herbert Beck / Peter C. Bol (Hg.), Ideal und Wirklichkeit der bildenden Kunst im späten 18. Jahrhundert, Berlin 1984, S. 120–139.
Oudsten, Frank: „Szenografie. Obszenografie: Über die Gratwanderung der offenen Künste – Eine szenische Lesung“, in: Ralf Bohn und Heiner Wilharm (Hg.), Inszenierung und Ereignis. Beiträge zur Theorie und Praxis der Szenografie, Bielefeld 2009, S. 371–402.
Raulet, Gérard / Schmidt, Burghart (Hg.), Kritische Theorie des Ornaments, Wien/Köln/Weimar 1993.
Raulet, Gérard: „Die Erlösung des Parergon: Zur Dialektik des Ornaments bei Walter Benjamin“, in: Raulet, Gérard und Schmidt, Burghart (Hg.), Vom Parergon zum Labyrinth: Untersuchungen zur kritischen Theorie des Ornaments, Wien/Köln/Weimar 2001, S. 213–229.
Abb.: Eröffnung der Ausstellung Opera publica, Künstlerhaus, Wien, März 2016. Mitte: “2012: remains of space” von Anna Mitterer und Matthias Buch. Foto: Christof Gaggl